Unternehmerin

Nicht mehr normal – aus dem Armenviertel in die Selbstständigkeit

Für das Kind Chelli Sandhya war es normal, in einer winzigen Einraumwohnung mit ihren Eltern und ihrer Schwester zu leben. Es war normal, gelegentlich nichts zu essen zu haben, ohne Spielzeug auszukommen, kein Bad, kein WC, nicht einmal Wasser im Haus zu haben und zu viert in einem Bett zu schlafen. Für sie war das alles ganz normal – nicht zuletzt, weil Nachbarn und Freunde genauso lebten. Zusammen mit seinem indischen Partner konnte wortundtat dazu beitragen, dass all das für die erwachsene Chelli Sandhya nicht mehr normal ist. Heute ist sie Unternehmerin.

Umsatz reicht für sechs Personen

Gemeinsam mit ihrer Schwester hat sie einen kleinen Betrieb in ihrer Heimatstadt Chilakaluripet. Seit 2004 stellen die beiden dort typisch indische Kleidungsstücke für Frauen, Fußmatten, Vorhänge und Dekorationen her und verkaufen sie. Das Einkommen, das sie erzielen, reicht für die beiden Schwestern und vier Mitarbeiter. Die haben in dem rund 26 Quadratmeter großen Laden alle Hände voll zu tun: Kleidung entwerfen, Stoffe weben, nähen, kunstvolles Besticken traditioneller Kleidung und viele andere Arbeiten.

Die grundlegenden Fähigkeiten, die Chelli Sandhya dort einsetzt, hat sie 1998-99 im Industrial Training Institute (ITI) erworben. Das betreibt unser Partner AMG seit 1993. Jedes Jahr besuchen etwa 20 Schülerinnen die einjährigen Kurse. Bei Weitem nicht alle gründen einen Betrieb nach Abschluss der staatlich anerkannten Ausbildung. Viele machen es wie Chelli Sandhya in den ersten Jahren nach dem Kurs: Sie stocken das Familieneinkommen mit Näharbeiten für Nachbarn auf. Die Arbeiten erledigen sie Zuhause.

Sie träumt vom eigenen Betrieb

Chelli Sandhya und ihre Schwester Sarada aber gingen eines Tages zur Bank und liehen sich Geld. Sie wollten mehr aus ihren Fähigkeiten machen und sind 15 Jahre später froh darüber, dass sie es geschafft haben. Mittlerweile denkt Chelli sogar noch weiter: Sie möchte sich von ihrer Schwester unabhängig machen und will einen eigenen Betrieb aufbauen.

+ + + H I N T E R G R U N D + + +

Laut einer vom indischen Ministerium für Statistik veröffentlichten Untersuchung machen Frauen rund 14% der gesamten Unternehmerbasis in Indien aus, also rund 8,05 Millionen der insgesamt 58,5 Millionen Unternehmer.

Während einige Unternehmerin werden, weil sie keine andere Arbeitsmöglichkeit finden, haben andere – wie Chelli Sandhya – ein klares Ziel vor Augen. Die Wirkung der von Frauen geführten Unternehmen auf den Arbeitsmarkt ist gering: Im Schnitt arbeiten 1,67 Personen in den Betrieben.

Ihr ist klar, worauf sie sich einlässt: Neben den rund 60 Stunden, die sie jetzt schon wöchentlich im Unternehmen verbringt, ist sie weitere 50 Stunden im Haushalt beschäftigt und kümmert sich gemeinsam mit ihrem ebenfalls selbstständig arbeitenden Mann um die beiden Kinder. Gemütlich klingt anders. Aber von dem, was früher für sie normal war, ist nichts geblieben: Heute hat sie ihr eigenes Haus und genug zu essen für die Familie. Ihre Kinder gehen in eine Privatschule. Sie hat fließendes Wasser, Bad und WC im Haus. In ihrer Freizeit sieht sie Fern oder spielt Spiele. Und die Wäsche der Familie wird in einer Waschmaschine gewaschen.

An die Zeit bei AMG, wo ihre Eltern sie schon im ersten Schuljahr hinschickten, denkt sie gern zurück. Sie lernte Fachwissen und verschiedene Fertigkeiten ebenso wie Disziplin und bekam geistliche Nahrung. Diese Mischung hilft ihr heute, neue Aufgaben und Herausforderungen zuversichtlich anzugehen.