Landarzt

Indien, Arzt berät Frau

 „Wie im Himmel“

„Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen“, sagt ein afrikanisches Sprichwort. Eltern, Freunde, Nachbarn: Sie alle bildeten um den kleinen Kiran solch ein „Erziehungs-Netz“. Doch hätte das nicht gereicht, um den Jungen aus seinem indischen Armenviertel herauszuholen. Daran konnten schließlich wortundtat und unser indischer Partner AMG mitwirken. Ein beeindruckendes Beispiel für die Früchte unserer Arbeit, denn bald hilft Kiran selbst anderen Bedürftigen.

Eines Tages sagt sein Vater zu Kiran, dem ältesten der drei Söhne: „Du wirst von nun an in eine große Schule gehen. Da bekommst du alles, womit wir dich nicht versorgen können. Du wirst besser lernen und später besser leben. Bildung bringt dich weiter. Ohne Bildung endest du wie wir.“ Kiran weiß, dass er wieder zurückkann, wenn es ihm nicht gefällt. „Aber als ich einmal da war, habe ich meinen Eltern schnell gesagt, dass ich nie wieder zurückwill,“ erinnert er sich mit einem Lachen.

Aufgewachsen in bitterster Armut weiß der heute 30-Jährige Burila Jyothsna Kiran wie sehr Hunger schmerzt und schwächt. Die ganze Familie schlief in der kargen Behausung auf dem blanken Boden. Er hatte zwei oder drei Kleidungsstücke. Zu der kleinen staatlichen Unterstützung verdiente der Vater als Tagelöhner mit Zeitungen austragen manchmal ein paar Rupien hinzu. „Meist hatten wir aber nur Reis zu essen“, erinnert sich Kiran. „Gemüse, Obst oder Fleisch gab es sehr selten.“ In seinem Heimatort besuchte er eine Grundschule, in der alle Klassenstufen gemeinsam unterrichtet wurden. Als der achtjährige Kiran 1997 sein erstes Schuljahr bei AMG in der vierten Klasse beginnt, gefallen ihm daher die Schuluniform – für jeden Tag der Woche eine – und drei frische, warme Mahlzeiten am Tag am besten. „Ich fühlte mich wie im Himmel“, schwärmt er heute noch.

Auf Not reagiert

Schon in seiner Heimat hatte sein Lehrer erkannt, dass Kiran ein intelligentes Kind ist. Jetzt, am Internat, werden seine Fähigkeiten noch deutlicher sichtbar. Kirans Lieblingsfächer bei AMG sind Mathematik und Naturwissenschaften.

Die Lehrer vermitteln nicht nur den Stoff, sondern fördern ihn, selbständig Lösungswege zu finden. Er hört, dass es gut ist, aufeinander zu achten und sich gegenseitig zu helfen – uneigennützig und demütig. Dank der liebevollen Unterstützung der Lehrer und Betreuer lernt er ganz neue Werte kennen – und dass er Potenzial habe. „Meine Lehrer ermutigten mich nach dem zehnten Schuljahr, Arzt zu werden und den naturwissenschaftlichen Schwerpunkt in der Schule zu besuchen. Das wollte ich auch.“ Gleichzeitig fragte er sich jedoch, ob er nicht die Schule beenden und seine Eltern unterstützen sollte. Wieder war es sein Vater, der ihn drängte, auf jeden Fall mit der Schule weiter zu machen.

Der indische Staat bietet armen Bürgern eine medizinische Basisversorgung. In diesem Bereich möchte Kiran sich engagieren.

Der indische Staat bietet armen Bürgern eine medizinische Basisversorgung. In diesem Bereich möchte Kiran sich engagieren.

„Ich bin euch so dankbar“

Nach dem Schulabschluss schafft er mit einem herausragenden Ergebnis den Eingangstest zum Medizinstudium. 2014 macht er den Bachelor in Medizin und Chirurgie. „Dann unterbrach ich mein Studium. Mein jüngerer Bruder brauchte Geld für seine Ausbildung“, sagt Kiran. So verdient er drei Jahre lang auf einer Station für Geburtshilfe. Parallel leiht sich sein Vater Geld von Freunden und Nachbarn. Sie möchten, dass Kiran und sein Bruder ein besseres Leben haben, weil ihre eigenen Kinder keinen Schulabschluss schafften. „Wir werden ihnen das Geld nach und nach zurückzahlen“, sagt Kiran zu dieser für deutsche Verhältnisse sehr ungewöhnlichen Solidarität.

Von dem Geld, das der junge Mann auf der Station für Geburtshilfe verdiente, beendet er zurzeit sein Studium. Sein Berufsziel: 2021 will er als Arzt in der primären Gesundheitsversorgung in ländlichen Regionen praktizieren – dort, wo viele arme Inder leben. Menschen wie seine Familie, als er klein war. Kiran hat nicht vergessen, wo er herkommt. „Ich bin wortundtat, den Spendern und AMG so dankbar für die Unterstützung“, sagt er. „Indem ich den einfachen Leuten helfe, kann ich etwas davon zurückgeben!“ Auch seinem Vater ist er auf ewig dankbar. Nach einem Schlaganfall hat der Mitte 2019 einen Großteil seines Gedächtnisses verloren. Er kann nicht mehr arbeiten. Kiran kümmert sich im Krankenhaus um ihn– als Sohn eines Tagelöhners und als Arzt dank wortundtat.