Roma-Schule

 

Von der Raupe zum Schmetterling

Timos* ist heute ein zehnjähriger Junge. Er besuchte das pädagogische Zentrum Petalouda für Kinder einer Roma-Siedlung in Athen seit dessen Eröffnung: Als er dort vor etwa zwei Jahren eintraf, war er verwahrlost, konnte sich nicht konzentrieren, wusste nicht, wie man einen Stift, eine Schere oder eine Zahnbürste benutzt. Regeln waren ihm völlig fremd. Probleme versuchte er mit Aggression zu lösen. In den ersten beiden Jahren lernte er in der Einrichtung, dass jede Handlung auch eine Konsequenz hat. Er erfuhr, wie man das in der Schule Gelernte im Leben anwenden kann. Und er sah, dass es gut ist, nicht aufzugeben, auch wenn etwas schwierig ist. Schließlich war er so weit gereift, dass er die Einrichtung verlassen und in eine öffentliche Schule gehen konnte.

Also wollte unser griechischer Partner seinen Eltern helfen, ihn dort anzumelden. Die aber zögerten. Sie taten sich sehr schwer, mit der Schule Kontakt aufzunehmen – schon allein deswegen, weil sie kein Telefon besitzen. Außerdem konnten sie die Anmeldeunterlagen der Schule nicht verstehen, weil sie nicht lesen können. Und sie sind nicht in der Lage, ihn morgens rechtzeitig zur Schule zu schicken oder mittags abzuholen. Nicht, weil sie es nicht wollen, sondern weil sie keine Uhr haben. Und wenn sie eine hätten, könnten sie auch diese nicht lesen.

Verantwortungsvoller Mitarbeiter macht Schulbesuch möglich

Nach zahlreichen vergeblichen Versuchen gelang es dann unserem griechischen Partner, Timos in der letzten verfügbaren Schule des Wohngebiets anzumelden. Sie liegt fünf Kilometer von der Siedlung entfernt, in der er lebt. Ein Mitarbeiter hat sich entschlossen, eine verantwortungsvolle Vermittlerrolle zwischen dem Schulpersonal und der Familie zu sein, damit seine Schullaufbahn Erfolg haben kann. Er wurde Timos‘ offizieller Vormund, prüft seine Fortschritte, unterstützt ihn bei Lernschwierigkeiten und sorgt dafür, dass er zur Schule und zurückkommt.

Trotz der Ablehnung, die dem Jungen in der Schule immer wieder entgegenschlägt und trotz der Ausgrenzung als Außenseiter, ist Timos ein guter Schüler. Sein Lehrer ist zuversichtlich, dass er in Zukunft gut abschneiden wird. Aber nicht nur das: Timos und die anderen Kinder der Siedlung, die in verschiedene Schulen des Wohngebiets gegangen sind, besuchen auch weiterhin einmal pro Woche das pädagogische Zentrum Petalouda, um Hilfe bei ihren schulischen Aufgaben zu erhalten. Und was für Timos und die anderen Schulkinder eine mindestens so große Freude zu sein scheint: Sie hören mit Begeisterung zu, wenn die Gruppe zusammensitzt und die Leiterin eine Bibelgeschichte erzählt und ihre Bedeutung erklärt. Mit dem Wissen aus der Schule können die Kinder wachsen und sich entwickeln. Mindestens genauso wichtig ist aber die seelische Entwicklung, die sich aus dem Hören und Verstehen des Wortes Gottes ergibt.

Petalouda ist das griechische Wort für Schmetterling.

* Name geändert