Ein Wunder

„Wir erleben gerade ein Wunder“

Im pädagogischen Zentrum für Roma in Athen erreichen die Mitarbeiter großartige Fortschritte bei dem Bemühen, der Gemeinschaft zur besseren Integration in die Gesellschaft zu verhelfen. Luciana Oliveira, Leiterin der Einrichtung, beschreibt, wie die Helfer vorgehen.

Frage: Ihr arbeitet in eurem pädagogischen Zentrum seit einiger Zeit auch mit Erwachsenen. Was genau geht da vor sich?

Luciana Oliveira: Wir erleben gerade ein Wunder. Als wir erste Kontakte zu den Kindern des Viertels hatten, waren die Eltern sehr zurückhaltend. Jetzt öffnen sie sich zunehmend.

Wie habt ihr reagiert?

Luciana Oliveira (rechts) hat das Unterrichtsmaterial für die erwachsenen Roma mitentwickelt.

Luciana Oliveira (rechts) hat das Unterrichtsmaterial für die erwachsenen Roma mitentwickelt.

Luciana Oliveira: Wir bieten jetzt auch Alphabetisierungskurse für die Erwachsenen an. Dabei setzen wir Material ein, das wir auf ihre Bedürfnisse angepasst haben. Es orientiert sich an erfolgreich getestetem Lernmaterial zur Alphabetisierung. Christen haben es entwickelt und es nutzt Geschichten und Berichte der Bibel, um den Menschen Lesen und Schreiben beizubringen. So können wir gleichzeitig über unseren Glauben sprechen und Unterrichtsinhalte vermitteln.

Wie wird das Angebot angenommen?

Luciana Oliveira: Wir haben momentan zehn Frauen, die regelmäßig mit uns in zwei Gruppen zu je fünf lernen. Die Männer haben noch nicht so großes Interesse, weil sie sich mehr auf ihre Arbeiten konzentrieren. Fünf bis sieben zeigten Interesse am Unterricht. Sie kommen aber nicht so regelmäßig wie die Frauen.

Gibt es Kommentare dazu, dass ihr mit biblischen Inhalten arbeitet?

Luciana Oliveira: Manche sagen, sie konnten ursprünglich nicht glauben, dass sie schreiben lernen würden. Jetzt äußern sie, dass Gott ihnen vielleicht beim Lernen hilft, damit sie ein anderes Leben mit anderen Zielen führen. Aber ich möchte nicht zu viel in solche Aussagen hinein interpretieren. Sie sind es nicht gewohnt, abstrakt über solche Themen zu reden. Immerhin: Einige besuchen jetzt unsere Gottesdienste. Irgendetwas an den Inhalten spricht sie offensichtlich an.

+ + + H I N T E R G R U N D I N F O R M A T I O N + + +

Starke Diskriminierung

Laut Aussage der griechischen Regierung leben 2019 etwa 110.000 Roma in 371 Gemeinschaften in Griechenland. Eine Untersuchung der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte ergab vor einigen Jahren, dass Roma in Griechenland deutlich stärker diskriminiert werden und sich schwerer damit tun, ihre Rechte einzufordern, als in anderen europäischen Ländern.

Neuere Untersuchungen der Agentur sehen zwar leicht verbesserte Lebensbedingungen in einigen Bereichen. Sie bestätigen jedoch zugleich die grundsätzliche Aussage, dass „Antiziganismus* als Hindernis für die Integration der Roma“ gilt, so der Titel einer 2018 veröffentlichten Untersuchung. Dort heißt es im Vorwort: „Die Geißel des Antiziganismus‘ hat sich als ein enormes Hindernis für Bemühungen erwiesen, die Lebenschancen und das Lebens von Roma zu ver- bessern. Viele von ihnen sind aufgrund ihrer ethnischen Herkunft mit Diskriminierung, Belästigung und Hass- verbrechen konfrontiert. Infolgedessen kämpfen große Teile der Roma-Bevölkerung weiterhin mit Herausforderungen, von denen man meinen sollte, dass sie in der EU nicht mehr existieren: Häuser ohne fließendes Wasser und Strom, fehlende Krankenversicherung und sogar Hunger sind nach wie vor Realitäten für inakzeptabel große Anteile der Roma-Gemeinschaft in einer der reichsten Regionen der Welt.“

 

Das Lehrmaterial, das ihr entwickelt habt, stößt auch bei anderen Gruppen auf Interesse?

Luciana Oliveira: Ja, wir geben es mittlerweile an Menschen in Griechenland weiter, die ebenfalls mit nicht-alphabetisierten Roma arbeiten. Allerdings erhalten es nur diejenigen, die von uns für den Unterricht mit diesem Programm in Workshops ausgebildet wurden.

Gibt es ähnliche Programme für Roma in Griechenland?

Luciana Oliveira: Ich weiß von keinem solchen Programm. Was wir machen ist ein Pionierprojekt. Mittelfristig möchten wir das Netzwerk von Menschen erweitern, die den gleichen Dienst für Roma leisten wie wir.

Sind in anderen Ländern vergleichbare Initiativen zu finden?

Luciana Oliveira: Ja, offensichtlich. Ich wurde eingeladen, Teil des europäischen Roma-Netzwerks zu sein und vertrete Griechenland jetzt auf europäischer Ebene. Diese Einladung ist eine einzigartige Gelegenheit, zu sehen und zu verstehen, was in anderen Ländern für Roma getan wird. Und ich kann viele Anregungen für unsere Arbeit von diesem Austausch mitnehmen.

Sie können helfen!

Wenn Sie uns bei dieser Arbeit unterstützen möchten, spenden Sie bitte mit dem Hinweis „Roma-Zentrum“ online oder auf unser Spendenkonto.

 

* Antiziganismus bezeichnet das Abstempeln von Menschen als „Zigeuner“ und die darauf folgende Herabwürdigung, Ausgrenzung und Verfolgung.