Indienreise 2010
wortundtat-Team besucht Hilfsprojekte in Indien
11. November 2010
Den Abschied aus Chilakaluripet am Morgen gestalten die Schüler sehr herzlich und liebevoll. Dann machen wir uns auf die Rückfahrt nach Hyderabad: Acht Stunden Fahrt, die durch eine unüberschaubare Zahl an tiefen Schlaglöchern immer wieder abgebremst wird. Von Hyderabad starten wir Freitagmorgen per Flugzeug Richtung Europa – in eine komplett andere Welt, die nicht nur räumlich, sondern auch gedanklich jetzt noch sehr weit weg ist.
Unterwegs machen wir Halt bei den Kalköfen von Piduguralla. Zwischen den 20 bis 30 Meter hohen Türmen brennt die Sonne unbarmherzig und aus den Öffnungen der Öfen strömen neben unbeschreiblicher Hitze, in der die Menschen den gebrannten Kalk mit der bloßen Hand von der Schlacke absondern, ein Gestank, in dem zu arbeiten eine Qual ist. Die Menschen hier sind allesamt frühzeitig gealtert. Ihre Lebenserwartung ist noch geringer als die anderer Inder. Einen halben Kilometer entfernt will wortundtat beim Bau einer Siedlung helfen und eine Schule für die Kinder der Kalkofenarbeiter bereitstellen. Sie müssen heute vielfach noch an den Öfen mit anpacken, um den kargen Lohn der Arbeiter aufzubessern. Obwohl die indische Regierung Kinderarbeit längst bei Strafe verboten hat, sehen wir doch noch zahlreiche Jugendliche mit Hammer, Schaufel, Korb oder anderen Utensilien an den Öfen. Und bei unserem Versuch, diese Situation zu dokumentieren, werden wir bald von den Aufsehern des Unternehmens vom Gelände gejagt.
Auch der Bau von Siedlung und Schule stößt auf Hindernisse. Andere Religionsgemeinschaften haben hier eine stärkere Lobby. Sie verhindern seit weit über einem Jahr, dass die wortundtat-Schule gebaut werden kann, obwohl dort Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht oder ihrer religiösen Überzeugung aufgenommen werden sollen. Die Diskussionen gehen weiter – wer die Menschen dort an den Kalköfen gesehen hat, möchte sich trotz der beschriebenen Schwierigkeiten nicht aus dieser Arbeit zurückziehen. Bis die Schule steht unterrichten wir die jüngsten in einer Tagesstätte und verteilen Milchrationen für die Säuglinge der schwer arbeitenden Kalkofenarbeiterinnen.
10. November 2010
Wieder haben wir eine unmittelbare Begegnung mit der großen Not, in der viele Menschen in Indien dauerhaft leben: Wir fahren aufs Land hinaus, um Tuberkulosepatienten zu besuchen, die von AMG betreut werden, und stellen fest, dass dort die Lebensumstände für viele Menschen noch schlechter sind als in den Städten, die wir sonst bei unseren Fahrten durchqueren.
Im Rahmen des RNTCP-Programms (Nationales überarbeitetes Tuberkulose-Kontrollprogramm) der Weltgesundheitsorganisation versorgt AMG Tuberkulosepatienten im Großraum Chilakaluripet und darüber hinaus. Die Kranken müssen besucht und mit Medikamenten versorgt, beraten und getestet werden. Alles zusammen genommen ist das ein großer Aufwand, der jedoch Früchte trägt: Die Zahl der neuen Tuberkulosefälle liegt deutlich niedriger als in anderen Landesteilen. Das ist erfreulich, tröstet jedoch nicht über das Einzelschicksal der Erkrankten hinweg, die wir besuchen. Sie machen einen bedauernswerten Eindruck. Neben den Medikamenten erhalten sie auch Lebensmittelrationen und Vitamine, um die Allgemeinzustand der Patienten etwas zu stabilisieren. Außerdem befreien wir sie so von der Notwendigkeit, nach Verschwinden der Symptome sofort wieder einer Erwerbsarbeit zur Sicherung des Lebensunterhalts nachgehen zu müssen. Das würde die Heilung in den meisten Fällen verhindern.
Am Abend ist dagegen wieder ein Programmpunkt, der die Früchte der AMG-Arbeit unmittelbarer sichtbar werden lässt. Di meisten der rund 2.000 Schüler, regionale Ehrengäste und andere Vertreter der Öffentlichkeit nehmen teil, als eine Andacht auf der großen Freifläche des Campus‘ gehalten wird. Lange Tische sind aufgebaut, an denen die Besucher im Anschluss essen können. Vor Beginn werden wieder eindrucksvolle traditionelle Tänze aufgeführt und der Prediger zitiert mit Johannes 15, Vers 16 einen Bibelvers, der für die gebeutelten Kranken und Schwachen, die von Krankheit Verstümmelten und von den Menschen gering Geschätzten genauso gilt, wie für die Reichen, Angesehenen, Schönen, Gesunden: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt.“ So gilt: Ganz gleich, in welchem Zustand wir auf dieser Erde wandeln: Wir sind allesamt von Gott geliebt. Das möchte wortundtat den Menschen hier in Indien, in den Projekten in Tansania und der Republik Moldau und natürlich auch den Freunden und Förderern von wortundtat in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit auf den Weg geben.
9. November 2010
Bildungsgutscheine, Hartz IV, steigende Krankenkassenbeiträge, mangelnde Unterstützung bei der Integration – über das Sozialsystem in Deutschland wird oft und zuweilen sicher zu recht geklagt. Wie gut dieses System jedoch trotz diverser Veränderungen der letzten Jahre im Vergleich zum indischen ist, wird uns bewusst, als wir am Mittag auf einige „Problemfälle“ des indischen Staates treffen: Frauen und Kinder von Langzeitgefangenen, die nicht wissen, wie sie sich ernähren sollen, HIV-Patienten und Angehörige beziehungsweise Hinterbliebene verstorbener AIDS-Patienten mit dem gleichen Problem, alte Menschen, die ihr Leben irgendwie ohne Mindestrente bestreiten müssen, Tuberkulosekranke, um die sich keine Krankenkasse kümmert … die Beispiele könnten noch fortgeführt werden. AMG sorgt in Chilakaluripet, 300 Kilometer südwestlich von unserem letzten Standort Rajahmundry, dafür, dass diesen Menschen geholfen wird: unter anderem mit Lebensmittelrationen, Ausbildungsvergütungen für die Kinder oder mit Zuschüssen zum Lebensunterhalt.
Die Not ist groß, aber auch die Hilfsbereitschaft ist beeindruckend: Schülerinnen und Schüler der verschiedenen AMG-Colleges helfen, die Bedürftigen zur Ausgabestelle für Lebensmittel zu begleiten. Sie organisieren die Verteilung mit oder tragen ihnen die Lebensmittelrationen zur Bushaltestelle vor dem Campus. So lernen sie praktische Nächstenliebe. Und sie machen dabei nicht den Eindruck, dass ihnen diese Art des Kümmerns in irgendeiner Form zuwider ist – ganz im Gegenteil.
8. November 2010
Wir besuchen das Sewing Centre in Rajahmundry: Hier werden Frauen zu Näherinnen ausgebildet. Mit dem Erlernten können sie sich ein eigenes kleines Einkommen verschaffen. Das haben sie vielfach nötig, denn der Verdienst der Männer reicht oftmals nicht für die ganze Familie. Oder die Frauen werden von ihren Partnern kurz gehalten. Derartige Nähschulen hat wortundtat an verschiedenen Orten eingerichtet. Die Ausbildung dauert jeweils ein Jahr. (Einen kurzen Film mit Eindrücken aus der Nähschule finden Sie auf www.facebook.de/wortundtat.)
Von diesem Ort voller jugendlicher Fröhlichkeit und Zuversicht geht es zu einer Station, die zwiespältige Gefühle weckt: tiefes Mitleid über die sichtbare Last der Menschen ebenso wie Freude über deren Vertrauen und Hoffnung, weil so viel erreicht wurde. Konkret: Auf dem Campus der Schule in Rajavolu werden heute Lebensmittelrationen an Leprakranke verteilt. Rund 1.200 Menschen sind gekommen, um sich Linsen, Öl, Reis und andere Grundnahrungsmittel abzuholen. Viele von ihnen sind von der Krankheit schwer gezeichnet, können die Rationen nicht selbst nach Hause bringen, sondern sind auf Hilfe von Begleitern angewiesen. Doch das ist andererseits auch schon wieder ein erfreulicher Fortschritt: Noch vor 30 Jahren galten Menschen mit Lepra als Aussätzige, Ausgestoßene, die von der Gesellschaft abgesondert leben mussten. Heute haben sie Menschen, die sich ihrer annehmen und sie leben meist bei ihren Familien, was früher undenkbar war. Die versorgen sie und denen fallen sie dank der kostenlosen Rationen nicht als zusätzliche Esser zur Last. Einige Erkrankte besuchen die Treffen in Rajavolu schon seit über 30 Jahren – auch das ist eine Entwicklung, die unter anderem dank der langfristig angelegten Hilfe von wortundtat und vieler Spender aus Deutschland erst möglich wurde. Und es gibt noch einen weiteren Grund zur Freude: Mittlerweile gibt es kaum neue Lepraerkrankungen, weil umfangreiche Massenuntersuchungen, Aufklärung und frühzeitige Behandlung das Verhalten der Menschen und ihren Umgang mit der Krankheit grundlegend geändert haben. (Einen kurzen Filmclip von der Verteilaktion finden Sie auf www.facebook.de/wortundtat.)
7. November 2010
Kinder sind und bleiben etwas Wunderbares: Bei Besuchen in Yeleswaram, der Schule für Kinder von Steinbrucharbeitern, und in Rajavolu/Bommuru sehen wir uns insgesamt schätzungsweise 5.000 Schülerinnen und Schülern zwischen Vorschule und Abschlussklasse gegenüber. Sie zeigen ihr Können, machen akrobatische, künstlerische, musikalische, wissenschaftliche, kulturelle Vorführungen und signalisieren, dass sie die Chance ergreifen möchten, die ihnen geboten wird. Diese Chance ist auch immer wieder Thema in Gesprächen mit ehemaligen Schülern oder solchen, die kurz vor dem Abschluss stehen. Die 21 Jahre alte Spandana Pilli beispielsweise, die nach der AMG-Schule ein Medizinstudium begonnen hat, möchte nach ihrer Ausbildung in ländlichen Gegenden Indiens als Ärztin arbeiten. Dort ist die medizinische Versorgung derzeit noch sehr schlecht oder gar nicht vorhanden, und die Menschen wissen wenig über Ursachen und Bekämpfung von Krankheiten. „Hier in der AMG-Schule habe ich viel Gutes erfahren und Jesus kennenlernen können. Ich möchte etwas von dem weitergeben, was mir geschenkt worden ist, denn zurückgeben kann ich es ja nicht“, sagt sie. Sie und ihr Bruder waren in die AMG-Schule gekommen, weil die Mutter kein Geld hatte, ihre Ausbildung zu finanzieren und der Vater weggelaufen war, als Spandana fünf Jahre alt war. „Ich habe seitdem nichts mehr von ihm gehört. Aber es bereitet mir keinen Schmerz, denn fast alle unsere Klassenkameradinnen haben ähnliche Schicksale – umso dankbarer sind viele von uns, weil wir hier eine neue Chance für unser Leben erhalten haben.“
Weitere und detailliertere Berichte über ehemalige Schülerinnen und Schüler lesen Sie in unseren nächsten wortundtat-Magazinen, die Sie unter Angabe Ihrer Postanschrift kostenlos und unverbindlich per E-Mail an info@wortundtat.de bestellen können.
6. November 2010
Von Vishakapatnam fahren wir weiter in die Hafenstadt Kakinada – rund vier Autostunden südwestlich. Unterwegs passieren wir immer wieder überschwemmte Landstriche. In der Region hat es in den vergangenen Tagen stark geregnet. Weil kein ausreichender Hochwasserschutz vorhanden ist und in den Dörfern die Kanalisation fehlt, stehen viele Häuser nah am oder direkt im Wasser. Besonders für die Lehm- und Holzhütten der überwiegend armen Landbevölkerung ist das verheerend. So werden sowieso schon fragile Existenzen vollends vernichtet.
In Kakinada angekommen gehen wir zur Schule unseres Partners AMG. Die Medium English School besuchen jetzt rund 2.000 Schüler aus einer der ärmsten Bevölkerungsgruppen der Stadt. Mitten in einer heruntergekommenen Wohngegend angesiedelt ist die Schule ein Hoffnungsschimmer für die Kinder. Hier erhalten sie zwei Mahlzeiten täglich, haben für ein paar Stunden am Tag ein behütetes Umfeld, lernen lesen und schreiben und bekommen so erste Perspektiven für eine bessere Zukunft. Auch einige Mütter kommen regelmäßig auf den Campus. Sie erhalten hier Milchspeisungen für ihre Säuglinge. Und andere Frauen können bei AMG Kleinstkredite aufnehmen, die ihnen bei der Gründung kleiner Unternehmen helfen. So werden sie unabhängiger von ihren Männern und können zum Einkommen der Familie beitragen. Gleichzeitig lernen auch sie etwas Lesen, Schreiben und Rechnen.
Direkt vor dem Schulgelände fängt die harte Wirklichkeit an: Dort ist eine Müllkippe, auf der Menschen nach verwertbaren Rohstoffen und Tiere nach Essensresten suchen – Bilder, bei denen man im Fernsehen immer schnell weiterzappen möchte (s. auch unser Video auf facebook). In diesem Umfeld bewegen sich die Kinder tagein tagaus sobald der Unterricht vorbei ist.
5. November 2010
Während viele hinduistische Inder das Lichterfest zu Ehren der Göttin Lakshmi feiern und wie in Deutschland zu Sylvester Knallfrösche und Feuerwerk abbrennen besucht das wortundtat-Team die ersten Projekte des Partners AMG im Norden des Bundesstaats Andhra Pradesh. In den verschiedenen Leprakolonien ist zu sehen, dass die Zahl der Kranken immer weiter zurückgeht und die Zahl ihrer gesunden Kinder und Enkelkinder immer weiter steigt. So besteht berechtigte Hoffnung, dass die Krankheit, die besonders Menschen mit geschwächter Immunabwehr befällt, doch eines Tages komplett besiegt sein könnte.
Mit zu dieser Entwicklung beitragen können demnächst die Krankenschwestern der von AMG neu eingerichteten Krankenpflegeschule in Vishakapatnam. Dort werden seit Frühjahr 2010 erstmals 28 junge Frauen pro Jahr für eine dreijährige Ausbildung eingestellt: Sie werden zu examinierten Krankenschwestern ausgebildet. Nach dem Examen sind ihre Chancen am Arbeitsmarkt gut: Das Gesundheitswesen in Indien leidet unter einem Mangel an Pflegepersonal. Besonders erfreulich: Viele der Auszubildenden bekamen bei den ersten überregionalen Leistungstest ausgezeichnete Bewertungen.
Weitere Infos: www.facebook.de/wortundtat
Vor der Abreise
Ein Team des Hilfswerks wortundtat, besucht in der ersten Novemberhälfte die Hilfsprojekte im südostindischen Andhra Pradesh, um sich einen Überblick über die anstehenden Aufgaben zu verschaffen. Es besucht Schulen, trifft sich mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und begegnet den Bedürftigen.
Insbesondere in den verschiedenen Schulen freuen sich die Schülerinnen und Schüler über die jährlichen Besuche. Sie nutzen die Gelegenheit, um den Gästen aus Deutschland zu zeigen, welche Fortschritte sie im abgelaufenen Schuljahr gemacht und was sie gelernt haben.
Wie bereits im November 2009 haben interessierte Leser auf dieser Seite die Möglichkeit, die Stationen der Reise zu begleiten: Täglich finden Sie vom 5. bis 11.11. kurze Berichte und Bilder über den Besuch. Noch aktueller informieren wir Sie auf unserer wortundtat-Facebook-Seite.



