Wort und Tat


Reisebericht

„Da dreht sich das Herz um.“

Dr. Heinz-Horst Deichmann besucht die wortundtat-Projekte in Andhra Pradesh

14 Tage im südindischen Andhra Pradesh bei 30 Grad im Schatten am Tag, mindestens 20 in der Nacht und einer Luftfeuchtigkeit wie im Tropenhaus des nächstgelegenen Zoos. Dazu: egal, wo man geht oder steht, ein Geruchsgemisch aus Autoabgasen, qualmenden Feuern, Fäkalien, Verrottung, Müll. Dazwischen: Kinder, Alte, Kranke, Versehrte, Hungrige, Schmutzige, die dennoch strahlen, wenn die Gruppe aus dem fernen Deutschland kommt, denn fast alle kennen den wortundtat-Gründer Dr. Heinz-Horst Deichmann seit vielen Jahren von seinen regelmäßigen Besuchen in der Region. 14 Tage bei den Ärmsten der Armen, um sich über die Fortschritte der Arbeit des Hilfswerks zu informieren, um zu sehen, wo weitere Hilfe gebraucht wird, um den Hilfsbedürftigen zu begegnen und – nicht zuletzt – um den Menschen die Gute Nachricht von der Liebe Gottes zu bringen. Ein Reisebericht von Dr. Heinz-Horst Deichmann (weitere Informationen finden Sie im Reisetagebuch):

„Gerade gesund zurückgekehrt von der Indien-Reise bin ich voller Dank für das Erlebte, die Begegnungen und Gottes gnädige Bewahrung auf allen Wegen und Straßen Indiens. Ich wurde begleitet von Dr. Raimund Utsch, der im Vorstand von wortundtat ist, sowie von Thomas Brand, der die Arbeit von wortundtat als Journalist betreut.

Ein Freund (theologischer Professor) schrieb mir vor Antritt dieser Reise eine kurze Abhandlung über ein griechisches Wort, das im Neuen Testament der Bibel sehr häufig vorkommt: „Splanchnizomai“. Das bedeutet: „Das Herz dreht sich in mir um, ich erbarme mich, ich bin mit leidenschaftlicher Liebe erfüllt“. Auf Englisch: „Filled with compassion.“ (Die Griechisch sprechenden Gelehrten mögen mir meine Freiheitim Ausdruck verzeihen). Mein Freund schreibt dazu: „Das ist das Evangelium (die gute Nachricht der Bibel) in einem Satz.“

Ich habe gerade in Indien das immer wieder erlebt, dass sich das Herz „umdreht“, wenn man der Armut begegnet. Hier nur zwei Stellen aus der Fülle der biblischen Texte, die genau das zum Thema machen: „Da hatte Er (Jesus) Erbarmen mit ihm, streckte seine Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: Ich will es, werde rein.“ (Markus-Evangelium 1,41, oder Matthäus-Evangelium 9,36:) „Als Er (Jesus) aber die Volksmenge sah, fühlte Er Erbarmen mit ihnen; denn sie waren abgequält und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben.“ Während meiner Begegnungen in Indien wurde ich immer wieder an Stellen aus der Bibel erinnert. Ich habe sie in meinem Reisebericht besonders gekennzeichnet.

Umarmt und nicht verachtet

Wie viele Tausende Leprakranke habe ich wieder gesehen. Ich habe sie und ihre Familien in den Lepradörfern besucht und sogar mit ihnen zusammen Abendmahl gefeiert.

„Ein Aussätziger kommt zu ihm, wirft sich vor ihm auf die Knie und sagt zu ihm: „Wenn du willst, kannst du mich rein machen!“

Jesus streckt seine Hand aus, berührt ihn, sein Herz drängt ihn dazu, weil er ihn liebt, sein Leben für ihn gibt, später auf Golgatha, um ihn auch von seinen Sünden rein zu machen. Für mich heißt das: Wir laufen nicht weg von diesen Elendsgestalten, sondern werden eins mit ihnen in der Berührung, weil auch wir von der Liebe Gottes in Jesus leben und zu Zeugen berufen sind. Diese Treffen mit den Kranken auch bei der Abendmahlsfeier sind für mich immer das Tiefste und Erregendste; die Erkenntnis bricht auf: „Christus in Euch, die Hoffnung auf die Herrlichkeit“ (Kolosser 1,27).

Taten und Worte

„Jesus zog umher durch alle Städte und Dörfer, predigte das Evangelium (die frohe Botschaft) vom Reich und heilte jede Krankheit und jedes Gebrechen.“

Sich erbarmen und Heilen ist eines beim Sohn Gottes, aber er verkündigt auch das Wort Gottes vom Reich, das in ihm gekommen ist mit aller Liebe und Barmherzigkeit Gottes. Er ist das Fleisch gewordene Wort Gottes, das in die Welt gekommen ist. Er ist das Erbarmen Gottes in Person, der gute Hirte, der sein Leben gibt für die Schafe (Joh. 10,11). Er will, dass die, die das rettende Wort seiner suchenden Liebe gehört und angenommen haben, genauso hinausziehen mit dem Wort des Lebens, der Versöhnung Gottes mit den Menschen und in ihrem Tun und Lassen, Wort und Tat von Jesu Liebe und Erbarmen Zeugnis ablegen.

Eine große Versammlung

4.000 Menschen waren in Chilakaluripet auf dem großen Schulhof zusammengekommen: Kinder, deren Väter wegen ihrer Not als kleine Bauern Selbstmord begangen haben, mit ihren Müttern, Leprakranke, Blinde, Tuberkulosekranke, die behandelt werden, HIV- und Aidskranke, die von der Gesellschaft verachtet sind und auf der Schulfeier erschienen sind, auch Kinder mit ihren Müttern oder Großeltern, deren Väter (meistens wegen Gewaltverbrechen) langjährig in Haft sind. Es waren Ausgestoßene, Alleingelassene, Kranke und Hilfebedürftige. Sie erhielten ein warmes Mittagessen, Lebensmittelrationen für einen Monat und Kleidung.

Einzelschicksale

Mir gehen auch einzelne Personen nach, die ich auf der Reise getroffen habe: In der Tuberkuloseklinik sind jetzt die ersten resistenten Fälle nach Hause entlassen, die nicht mehr auf die normale Multidrug-Therapie (MDR) reagieren, und für die eine völlig neue Therapie erforderlich ist. In unserer TB-Klinik erhalten sie sie. Jeder Einzelne würde sonst unbehandelt 15 neue Personen unheilbar anstecken! Von unseren Poliokindern sind wieder etwa 20 bei liebevoller Pflege operiert worden, jeder soll ein menschenwürdiges Leben führen, wenn irgend möglich, mit aufrechtem Gang. Ich habe mich gefreut, wenn 3.000 versammelte Kinder bei der Schulfeier in Chilakaluripet miteinander sprachen.

„Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass Er seinen einzigen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe“ (Joh. 3,16).

Liebe und Freiheit

Die Liebe kommt zurück – die Liebe der Kinder, der Menschen, denen wir begegnen und die Hände drücken, ist unbeschreiblich. Wir empfinden die Freiheit, füreinander da zu sein, mit ihnen unser Leben und was wir von Gott geschenkt bekommen haben, zu teilen und uns gemeinsam der vergebenden Liebe Gottes zu erfreuen. Freiheit von Furcht, von Götzen, auch von selbstgemachten – der Eigensucht und der Gier nach Geld (Gott Mammon), von Karma und anderen Schicksalsmächten. Dank sei Gott; „Der Herr ist der Geist – wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“ (2. Kor. 3,17).

Zum Schluss ein Wort aus 2. Korinther 4, 5 – 6:
„Denn wir predigen nicht uns selbst, sondern Christus Jesus als den Herrn, uns selbst aber als eure Diener um Jesu willen. Denn Gott, der gesagt hat: Aus der Finsternis soll Licht aufstrahlen, Er ist es, der es in unseren Herzen hat aufstrahlen lassen, sodass wir erleuchtet wurden durch die Erkenntnis von der Herrlichkeit Gottes auf dem Angesichte Christi“.

Christus, der Gekreuzigte, der Auferstandene, dem alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben ist, möge als Licht Gottes in unseren Herzen regieren und uns dazu bringen, in der Freiheit der Kinder Gottes mit dem, was uns geschenkt ist, einander zu dienen!

Das wahre Indien

An einem der letzten Tage in Indien las ich in einer angesehenen Zeitung, angeblich aus der Rede eines Kabinettmitglieds der indischen Zentralregierung:
„India is prospering, Indians are not.“ Mit anderen Worten: Indien hat einen großen wirtschaftlichen Erfolg auf der Weltbühne, aber die Armut und Kasten-Klassenteilung sind noch heute unverändert. Es braucht viel Zeit, bis Armut in der jetzigen Form überwunden, das Wirtschaftswachstum auch in den untersten Schichten bemerkbar, aber auch Kraft und Bildung durch Überwindung der traditionellen Schranken möglich sind.

Wir alle können und müssen daran mitwirken.

Herzliche Grüße Ihnen allen

Ihr

Dr. Heinz-Horst Deichmann