Erdkundelehrer

Absprung geschafft

Von dem kleinen Ort Idupulapadu in Ostindien erkennt man auf Satellitenbildern internetbasierter Kartendienste einige Straßen und Häuser. Zwei Tempel und eine Highschool soll es dort ebenfalls geben. Mit etwas Mühe würde man vielleicht auch das Haus von Nuthalapati Vijay Kumars Eltern finden – es ist eine mit Lehm verputzte und mit Stroh gedeckte Hütte. Davon gibt es jedoch viele in dem Ort. Von Nahem und aus der Ferne betrachtet ist Idupulapadu wirklich kein ideales Sprungbrett für eine solide Berufsausbildung. Nuthalapati aber schaffte mithilfe von wortundtat den Absprung in die nächstgrößere Stadt und ist heute Lehrer an der Schule, die er als Kind selbst besuchte.

fruechte

Hunger war ein täglicher Begleiter

Zusammen mit seinen Eltern und drei Geschwistern lebte Nuthalapati als Kind in sehr einfachen Verhältnissen. Die Einnahmen der Eltern aus Gelegenheitsjobs lieferten kaum genug Geld für die täglichen Bedürfnisse wie Essen, Kleidung, Medikamente. Oft litt die Familie Hunger und konnte sich bei Krankheiten keinen Arzt leisten. Die Hütte hatte nur einen Raum, der kaum genug Platz für alle zusammen bot. Fließendes Wasser gab es nicht und auch rund 20 Jahre nachdem Nuthalapati diese Situation verlassen hat, bezeichnet er die damals allgegenwärtige Armut noch immer als das größte Problem seiner frühen Kindheit.

Die Schule am Ort, der damals nur rund 2.000 Einwohner hatte, war kaum als solche zu bezeichnen: keine angemessen eingerichteten Klassenzimmer mit Tafel, Tischen und Stühlen, kein in irgendeiner Form gestalteter Schulhof – einfach nur ein nacktes Gebäude. 60 Kinder waren in einem Klassenraum zusammengepfercht und der Lehrer hatte nach Nuthalapatis Erinnerung kaum die Kraft und vielleicht auch nicht das Interesse, die Schüler zu unterrichten. „Nur wenige von uns lernten, Zahlen und Buchstaben in Telugu, unserer Sprache, zu lesen“, beschreibt er das Ergebnis.

Mit sechs Jahren von zu Hause weg

Seine Eltern hörten von AMG, dem wortundtat-Partner, der im rund 40 Kilometer entfernten Chilakaluripet unter anderem ein großes Internat betreibt. Im Alter von sechs Jahren schulten sie Nuthalapati dort ein und die erste Zeit hinterließ ganz unterschiedliche Eindrücke bei ihm. „Ich mochte die Atmosphäre an der Schule, die anderen Kinder, die Möglichkeiten, zu spielen – und natürlich das gute Essen sehr. Gar nicht toll fand ich dagegen, dass ich meine Eltern auf einmal nicht mehr regelmäßig sehen konnte“, erinnert sich der heute 27-Jährige.

Langfristig beherrschten aber andere Aspekte die Erinnerung an die Zeit im Internat. „Geistliches Wachstum wäre wohl an der Schule in meinem Heimatort nicht erreichbar gewesen“, sagt Nuthalapati. Im Internat wurde jedoch darauf genauso viel Wert gelegt wie auf die Entwicklung der gesamten Persönlichkeit der Schüler. Und obwohl seine Eltern bereits Christen waren, gewannen damals der Umgang mit der Bibel und der christliche Glaube in dem neuen Umfeld eine große Bedeutung für den jungen Schüler. „Heute lese ich gern in der Bibel. Die Botschaft, dass Gott mich so annimmt, wie ich bin, hatte auch Konsequenzen für mein Denken und Handeln anderen Menschen gegenüber“, sagt er.

Als Lehrer wieder ins Internat zurück

Neun Jahre blieb er am Internat und schloss dann eine weiterführende Schule und ein Berufskolleg an. Die Ausbildung zum Lehrer machte er wiederum bei der AMG in Chilakaluripet. Dort – in dem Internat, das er selbst als Kind besuchte – hat er vor einiger Zeit auch eine Anstellung als Lehrer gefunden. In Englisch und Gesellschaftskunde unterrichtet er Schülerinnen und Schüler im Alter zwischen fünf und elf Jahren. „Ich bin sehr glücklich, dass ich hier arbeiten kann und damit ein Teil des Angebots bin, von dem ich selbst als Kind sehr profitiert habe. Ich möchte den Schülern gern dabei helfen, gute Bürger zu werden und auch einmal eine gute Arbeit und ein festes Fundament fürs Leben zu finden.“

Und mit dem Einkommen, dass er jetzt erreicht hat, kann er ein Leben führen, dass viele der Bedürfnisse erfüllt, die für ihn als Kind unerreichbar schienen.